00:00:00: Herzlich willkommen zu einer neuen Folge des SCHIRN Podcasts.
00:00:03: Diesmal geht es ungewöhnlich hart zu, denn wir werfen einen Blick auf und öffnen unsere Ohren für die Straight Edge Musik.
00:00:10: Straight Edge?
00:00:11: Das ist Hardcore Punk!
00:00:23: In der Schirn sind bis zum 26.
00:00:27: April, die drei Filmarbeiten des in Brasilien lebenden Künstlerinnen Duos Barbara Wagner und Benjamin de Burca zu sehen – darunter die eigens für die Ausstellung produzierte Videoinstallation Future of Yesterday, die in enger Zusammenarbeit und Ko-Autorschaft mit der Straight Edge Szene im Rhein-Main-Gebiet entstanden ist.
00:00:48: Die Ausstellung ist die erste große Solo-Schau des Duos in Deutschland.
00:00:52: Seit über zehn Jahren kreieren Wagner und de Burca Videoarbeiten und Installationen, mit denen sie auf Tanz- und Musikbasierende Kulturbewegungen porträtieren.
00:01:02: Und die stets in enger Zusammenarbeit mit den Protagonist*innen der jeweiligen Communities entstehen.
00:01:08: Die Ergebnisse sind Inszenierungen, die sich zwischen Fiktion und Dokumentation, zwischen sozio-politischen Anliegen und künstlerisch-ästhetischer Idealisierung bewegen.
00:01:19: In den folgenden Minuten stellen wir das Künstler*innenduo Barbara Wagner und Benjamin de Burca und ihre Arbeiten näher vor.
00:01:27: Dann widmen wir uns besonders Future of Yesterday und damit dem Straight Edge.
00:01:32: Mein Name ist Marthe Lisson und ich wünsche viel Spaß beim Zuhören.
00:01:44: Barbara Wagner & Benjamin de Burca arbeiten seit 2011 zusammen.
00:01:49: Ihre Ausbildung als Fotojournalistin ist in den Arbeiten genauso präsent wie seine Ausbildung zum Maler.
00:01:55: De Burca kam erst während seines Masterstudiums in Berührung mit Film.
00:02:00: Das Duo lebt im Brasilien und so verwundert es nicht, dass die ersten gemeinsamen Videoarbeiten Musik- und Tanzszenen Brasiliens porträtieren – insbesondere aus der Region Recife, Pernambuco, im Nordosten des Landes wo Barbara Wagner herkommt.
00:02:16: Faz que vai / Set to go zeigt Musiker*innen und Tänzer*innen des Frevo.
00:02:20: Der Frevo ist ein energischer Tanz, der vor allem in der Hocke getanzt wird um mit Luftsprüngen und akrobatischen Einlagen ausgestaltet wird.
00:02:28: Die Tänze*innen halten beim Tanzen zudem bunte Schirmchen in ihren Händen.
00:02:33: Terremoto Santo / Holy Tremor folgt einer Gruppe Gospelsänger*innen im Start Parnambuco während sich die Arbeit Swinguerra auf den Slang und Tanz aus Recife Swingueira bezieht.
00:02:45: Der Titel des Films spielt aber auch mit dem portugiesischen und spanischen Wort für Krieg, Guerra.
00:02:50: Im Film geht es um zwei rivalisierende Tanzgruppen.
00:02:54: der film wurde im brasilianischem Pavilion der 58. Biennale in Venedig gezeigt.
00:03:19: In der Schirn sind nun drei Arbeiten zu sehen.
00:03:21: Zum einen Estás vendo coisas / You Are Seeing Things aus dem Jahr 2016.
00:03:27: Der Film begleitet zwei angehende Künstler*innen der brasilianischen Brega-Szene – einer populären Musikkultur, die sich seit den 1970er-Jahren von einer Randerscheinung zu einer erfolgreichen Musikindustrie entwickelt hat.
00:03:40: Zum anderen ist die Arbeit Rise zu sehen.
00:03:43: Mit Rise verlässt das Künstler*innenduo erstmals die musikalischen Grenzen Brasiliens und poträtiert die Mitglieder der kanadischen Bewegungen R.I.S.E – ein Akronym, das für Reaching Intelligent Souls Everywhere steht.
00:03:57: Der Film zeigt junge Dichter*innen, Rapper*innen und Sänger*innen afro-karibischer Herkunft, die in U-Bahn Tunneln Torontos ihre Gedichte und Rap performen.
00:04:07: Der Ausstellungstitel – The Tunnels We Dig – ist dem Film RISE und Nasim Asgaris Gedicht TheWeaving entnommen. Ihre Texte sind empathisch – sie handeln von Liebe, Hoffnung und Einsamkeit und grenzen sich deutlich zu den oft gewaltverherrlichenden Texten des US-amerikanischen Hip Hop ab.
00:04:25: Die Worte beziehen sich sowohl auf die physische Struktur, die U-Bahn tunnel Torontos, sind aber auch als Metapher für Subkulturen zu lesen, deren künstlerischer Ausdruck nicht selten Ausdruck eines kulturellen Widerstands ist. Die Zeile lautet vollständig, “The tunnels we dig will be visionary”.
00:04:53: Um die Arbeit Future of Yesterday besser verstehen zu können, schauen wir zuerst auf die Geschichte der Straight Edge Bewegung.
00:04:59: Sie entstand in den 1980er-Jahren in den USA als Gegenbewegung innerhalb der Hardcore-Punk Szene.
00:05:06: Punk entstand Mitte der 70-Jahre vor allem im Großbritannien.
00:05:10: Punk Songs sind kurz, schnell, roh.
00:05:12: Keine perfekte Instrumentierung oder makelloser Gesang, keine Überproduktion der Musik.
00:05:18: Ihre Texte richten sich gegen das Establishment, ihre Looks genauso.
00:05:37: Der Hardcore-Punk entwickelte sich dann in den späten 70er-Jahren als Subgenre in Kalifornien, vor allem in San Francisco,
00:05:45: als Reaktion auf die immer noch dominante Hippie Kultur.
00:05:49: Hardcore Punk ist noch schneller und wie der Name es schon andeutet noch härter.
00:05:54: Hardcore-Punker richten sich ebenfalls gegen etablierte Strukturen, gegen Kommerz und die etablierte Musikindustrie und setzen auf DIY-Methoden.
00:06:02: Hier knüpft seit den 1980er-Jahren dann auch die Straight Edge Bewegung an, die viele Aspekte des Punk-und Hardcorepunk übernahm, sich aber gleichzeitig deutlich abgrenzte.
00:06:13: Während jegliche Form des Rock & Punk immer auch in Verbindung mit übermäßigem Alkohol- und Drogenkonsum steht, lehnt die Straight Edge Szene diese Selbstzerstörung ab.
00:06:23: Straight Edge-Musiker pflegen einen cleanen Lebensstil.
00:06:27: Sie leben frei von Alkohol, Tabak und Drogen und nicht selten vegetarisch oder vegan.
00:06:33: Mit einem klaren Kopf und ohne den Nihilismus des Punks wollen sie nicht nur Kritik am Establishment äußern, sondern auch Veränderungen herbeiführen.
00:06:41: Der Punk klagte zwar an, führte aus Sicht der Straight Edger aber keine Veränderung herbei.
00:06:47: Haben Sie es gemerkt?
00:06:48: Wir haben eben nicht gegendert und von Straight Edge Musiker gesprochen.
00:06:53: Auch wenn sich Straight Edge gegen die etablierte Musikindustrie wendet, bleibt eines der größten Probleme der Industrie auch im Straight Edge bestehen:
00:07:01: Die Abwesenheit von Frauen, ob auf der Bühne oder auch größtenteils in Publikum.
00:07:06: Wagner und De Burca kommentieren dies ihrer Videoarbeit mit einer queeren Kuss-Szene und Frauen im Moshpit.
00:07:13: Die Zugehörigkeit zur Szene ist im drogenfreien Lebensstil verankert und wird visuell mit dem X-Symbol zum Ausdruck gebracht, das nicht selten auf den Körpern von Szeneanhänger*innen zu finden ist,
00:07:25: Aber natürlich auch auf Plakaten.
00:07:27: Mit einem X wurden manche Orts – in Clubs oder Bars – minderjährige gekennzeichnet damit ihnen kein Alkohol ausgeschenkt wurde.
00:07:35: Die Straight Edge Szene machte sich diese Markierung zureigen.
00:07:38: Das Symbol eines aufgezwungenen Verzichts wurde zum Symbol des freiwilligen Verzichtes.
00:07:44: Der Name der Bewegung stammt von einem Song der Band Minor Threat aus Washington,
00:07:49: D.C.,
00:07:49: dessen Sänger Ian McKaye die Anfänge dieser Bewegung maßgeblich prägte.
00:08:16: In Barbera Wagner und Benjamin de Burcas Filminstallation Future of Yesterday sind die Mitglieder der Band Blinded and One zu sehen und zu hören.
00:08:25: Beide Bands sind in Darmstadt aktiv.
00:08:28: Die Filmarbeit entstand, wie früherer Arbeiten auch, in enger Zusammenarbeit mit den Künstlern.
00:08:34: Der Film ist eine fast ununterbrochene Kamerafahrt.
00:08:37: Sie beginnt in einer Autowerkstatt, eine Frau macht einen Siebdruck, ein Mann poliert einen alten Van.
00:08:43: Die Kamera fährt weiter in einen zweiten Raum,
00:08:45: die Musik ändert sich von englischer Popmusik der 60er-Jahre zu zeitgenössischer Rockmusik.
00:08:51: Zwischen den Autos stehen hier nun junge Männer,
00:08:54: sie stimmen und polieren ihre E-Gitarren, scheinen sich auf einen Gig vorzubereiten.
00:08:59: Der Film führt die Zuschauer*innen weiter durch einen Proberaum und dann in eine Skatehalle, in der die Band ein Konzert gibt.
00:09:06: Die lang anhaltenden Kamerafahrten vermitteln ein verlangsamtes, gedehntes Zeitgefühl. Der Film wirktsehr ruhig, was in scheinbarem Kontrast steht zur Musik der Band, die schnell und laut ist undvoller Energie steckt. Wie auch der Ausstellungstitel ist Future of Yesterday ein Zitat und in diesem Fall einem Songtext entlehnt.
00:09:18: Es ist eine Würdigung früherer Generationen, die den Weg für die Gegenwart und Zukunft geebnet
00:09:23: haben.
00:09:24: Zwar hat sich die Straight Edge-Szene weiterentwickelt und neuen Perspektiven im Punk aufgemacht, gleichzeitig bauen sie auf der Arbeit früherer Punkgenerationen auf.
00:09:34: Musikalisch ähnelt der Straight Edge heutzutage mehr dem Hard Rock und New Metal als dem Punk der 80er-Jahre, und bezieht sich deutlich auf Bands der frühen 2000er wie Linkin Park.
00:09:45: Dasselbe gilt für die Outfits – kein Leder, keine Nieten, keine Irokesen, sondern weite Baggys, weite T-Shirts und Turnschuhe, die der Skatekultur verhaftet sind.
00:09:55: Was Wagner und die Burca besonders interessiert, ist die Idee des Nüchternseins im Kampf gegen den Kapitalismus,
00:10:02: die Hauptprämisse der Straight Edge Musikszene, die von einer sehr jungen postpandemischen Generation aufgegriffen und weitergeführt wird.
00:10:10: Dies erzählen Sie im Gespräch mit der Kuratorin Katharina Dom.
00:10:26: Wer weiter in die Filmwelt Barbara Wagners und Benjamin de Burcas eintauchen möchte, Future of Yesterday ist nicht die erste Filminstallation, die sich einer Musikszene in Deutschland widmet. 2017 präsentierte das Duo Bye Bye Germany! Eine Lebensmelodie auf der Skulptur Projekte Münster. Der Film porträtiert zwei Schlager-Interpret*innen in Münster.
00:10:49: Das war eine weitere Folge des Schirn-Podcasts.
00:10:52: Wenn ihr mehr über das Künstler*innenduo und Barbara Wagner und Benjamin de Burca erfahren möchtet, dann schaut ins SchirnMag oder neuerdings auch ins Schirn Paper, das während der Bockenheimer Zeit drei Mal im Jahr erscheinen wird.
00:11:05: Wir wünschen viel Spaß in der Ausstellung und sagen: bis zum nächsten Mal!